Sehr geehrte Damen und Herren,

gestern wurde endlich die seit langer Zeit angekündigte Starkregengefahrenkarte von der Umweltdezernentin Rosemarie Heilig, Umweltamt und Mobilitätsdezernent Stefan Majer der Öffentlichkeit präsentiert. Die Karten seien „Teil der Maßnahmen zur Klimaanpassung“, so Heilig. „Wir stehen mitten im Klimawandel“.

Stefan Majer betonte, dass die Stadtentwässerung (SEF), für die er zuständig ist, die Probleme nicht alleine lösen könnte. Privatpersonen, Firmen und Organisationen sollten sehen, wie sie klar kommen. Sie könnten sich ja über Schutzmaßnahmen informieren und wichtige Akten aus dem Keller räumen.

Ein konkreter Gefährdungsbereich ist der Frankfurter Berg. Hierzu hat der Ortsbeirat 10 am 18.10.2021 zwei Anträge von CDU und SPD an den Magistrat der Stadt Frankfurt formuliert (OF 133/10 und 134/10), über die in der nächsten Sitzung am 2.11.2021 abgestimmt werden soll. Hierin wird eine Einschätzung des Magistrats (bzw. wohl der fachlich damit betrauten SEF) zu den Erkenntnissen des Projektseminars „Angewandte Physische Geographie“ der Goethe-Universität Frankfurt (https://blog.studiumdigitale.uni-frankfurt.de/psnachhaltigkeit/wasser-frankfurter-berg/) gebeten. Es wird darin gefragt, welche Empfehlungen davon aufgegriffen werden und welches Handeln daraus abgeleitet wird. Auch wird gefragt, welche weiteren Maßnahmen als nächstes folgen und mit welchem zeitlichen Rahmen.

Antworten seitens der SEF dazu liegen mir bereits seit 29.9.2021 vor (siehe Anhang).

Vorab gesagt ist das sehr enttäuschend, was von der SEF dazu kommt:

Bereits in der Stellungnahme des Magistrats vom 8.2.2021 (ST 293) auf Nachfragen des Ortsbeirats (OM 6499) stellte die SEF klar, dass das Kanalnetz ausreichend leistungsfähig sei – auch im Hinblick auf zukünftige Entwicklungen. Bei „seltenen Starkregen“ komme es halt planmäßig zum Abfluss auf der Oberfläche und zum Rückstau in die Gebäude mit Überschwemmungen. Ist halt so. Basta. Allerdings, was „seltene Starkregen“ angeht, kann man das so nicht unwidersprochen stehen lassen, nachdem am Frankfurter Berg in den letzten 7 Jahren 5x Jahrhundert-Starkregen-Ereignisse mit allen negativen Auswirkungen stattfanden.

Der Formulierung „Es wird davon ausgegangen, dass aufgrund des Kimawandels lokale Starkregen häufiger und stärker auftreten. Statistisch kann dies bislang noch nicht eindeudig nachgewiesen werden. Dennoch kann es lokal zu Häufungen kommen“ macht stutzig. Es gibt also keine Statistik, die nachweist, dass der Klimawandel für häufigeren Starkregen verantwortlich ist? Was sagt Frau Heilig dazu?

Wie wird nun der Maßnahmenkatalog der Studenten der Uni Frankfurt von der SEF bewertet?

Fragestellungen der Arbeit:

– Aufgrund welcher Faktoren sammelt sich das Wasser bei Starkregen in den Straßenzügen?

– Welche Fließrichtung weist das Wasser im Untersuchungsgebiet auf?

– Welche Auswirkungen auf Anwohner*innen und Objekte sind festzustellen?

– Welche zukünftigen Maßnahmen könnte eine Starkregenvorsorge enthalten?

Die geographischen Besonderheiten im Bereich Holunderweg-/Azaleenweg haben die Studenten gut herausgearbeitet und werden von der Starkregengefahrenkarte soweit bestätigt (siehe Anhänge).

Die Auswirkungen auf Anwohner und Objekte wurden den Studenten bei einer Zusammenkunft mit betroffenen Anwohnern geschildert.

Interessant wird es nun bei den vorgeschlagenen Maßnahmen der studentischen Projektgruppe und betroffenen Anwohnern.

– Die Projektgruppe schlägt eine Tieferlegung der Rollschuhbahn vor („Die Rollschuhbahn hat einen Durchmesser von 30m, sodass eine Tieferlegung der Bahn um 2m ein Fassungsvermögen von c. 1,4 Mio. Litern bedeuten würde.“)

Ein Regenrückhaltebecken (mit Wiederverwendbarkeit des Wassers u.a. für darbende Bäume im Sommer, sicherlich eine vernünftige Maßnahme im Sinne des Umweltamts) unter der Rollschuhbahn wird von der SEF abgelehnt. („wird es mit Sicherheit nicht zu einem umfangreichen Bau von Kanalerweiterungen und unterirdischen Rückhaltebecken kommen“). Weiter „Auch eine tiefgreifende Umgestaltung der Oberflächen wird allein schon aus Kostengründen, aber auch aus stadtgestalterischen und ökologischen Gründen nicht möglich sein und auch nicht gewünscht sein“ Ein Schutz ist also zu teuer, aus Gründen der Stadtgestaltung nicht erwünscht oder möglich. Auf was bezieht sich die SEF bei den ökologischen Gründen? Hier müsste mal was Substanzielles folgen.

– Bei den städtebaulichen Maßnahmen empfiehlt die Projektgruppe, die angrenzenden Grünflächen und Felder südwestlich des Azaleenweges als unversiegelte Retentionsflächen zu nutzen und schlagen Notwasserwege vor – auf der Straße und zwischen den Grundstücken, die vom südlichen Holunderweg über den Azaleenweg und anschließend das Wasser auf die unbewohnten Grünflächen leiten.

Die SEF schreibt dazu, dass sie das „als eines der wesentliches Elemente der Starkregenvorsorge im Stadtgebiet und auch an einigen Stellen am Frankfurter Berg“ sehen. Allerdings sehe ich hierbei einen Pferdefuß: es sollen  Flächen auf Privatgrundstücken freigehalten werden, bzw. „wird es in vielen Fällen notwendig sein“ diese sogar „frei zu räumen“. Was soll das bedeuten? Wie soll das denn gehen? Es müssten sich ja alle Grundstücksbesitzer einig sein, dass durch ihre Gärten Notwasserwege verlaufen. Bei meist 7 Parteien einer Häuserreihe wahrscheinlich ein Ding der Unmöglichkeit. Selbst wenn 6 damit einverstanden wären und der 7. nicht, was dann? Ich habe den Eindruck, dass hier etwas Unmöglichliches vorgeschlagen wird, um nichts umsetzen zu müssen. Eine unterirdische Verlegung wird aus Kostengründen abgelehnt. So oft würde es ja keine Starkregenereignisse geben… („Wir verweisen auf die wiederholten Ausführungen zur statistischen Wiederkehrwahrscheinlichkeit seltener Starkregenereignisse“). Komisch nur, dass es bei uns so häufig vorkommt.

Als gute Lösung bezüglich Notwasserwege könnte ich mir vorstellen, zu untersuchen, ob die Wege zwischen den Häuserreihen für Notwasserwege tauglich wären. Dies würde wahrscheinlich eher auf Akzeptanz bei den Anwohnern führen und wäre wohl realistischer.

– Der Vorschlag Kanalweiterleitungen, um Wasser aus den Kanälen auf Wiesen, Retentionsflächen und Rückhaltebecken zu leiten wird von der SEF abgelehnt.

– Das Anlegen von vertieften Rückhalteflächen auf den Grünflächen sehen die Studenten auch als notwendig an, um auch größere Wassermengen aufnehmen zu können. Zur Tieferlegung des Spielplatzes sagt die SEF:  „Im Rahmen einer Spielplatz-Neugestaltung“ wird eine „multifunktionale Retentionsfläche“ nicht ausgeschlossen. Das klingt ja immerhin hoffnungsvoll. Da der Spielplatz aber erst vor kurzem umgestaltet wurde ist hierbei die Frage zu stellen, wann denn eine erneute Neugestaltung stattfinden wird.

Ansonsten frage ich mich auch noch: bei den Vorgaben für Neubaugebiete wird sicherlich bezüglich Starkregenereignisse auf Kanalisation etc. wesentlich mehr geachtet. Da werden sicherlich Vorkehrungen betrieben. Was aber geschieht in den Altbebauungen, wenn z.B. die Größen, die Abflüsse in den Straßen etc. eigentlich nicht mehr angemessen sind? Z.B. Bei der letzten Besprechung 2020 bei der SEF wurde von der SEF  eine Anmerkung gemacht, man hätte in der Mitte des südlichen Holunderwegs „etwas entdeckt“, wo man eine Verbesserung herbeiführen könnte. Bis heute haben wir nichts davon mitbekommen, dass etwas getan wurde.

Nach wie vor bleibt die Frage unbeantwortet,  welchen Einfluss die Versiegelung durch ein Neubaugebiet im Azaleenweg dabei hat. Nach dessen Erstellung hatten die Schadensereignisse begonnen. Zuvor war jahrzehntelang Ruhe. Von der SEF wird mitgeteilt, dass die Überflutungen auf oberflächig abfließendes Regenwasser zurückzuführen sei. Die Kanalisation hätte damit nichts zu tun. Diese neuen Häuser sind doch auch an das Kanalnetz angeschlossen. Wurde denn untersucht, welche Einflüsse das hatte? Wenn die neuen Abflüsse in das gleiche Rohr gehen wie die alten zuvor, dann staut es sich doch viel schneller. Das zusätzlich hangabschießende Wasser kann natürlich erst recht nicht abfließen, wenn die Kanalrohre schon von anderer Seite belastet werden.

Der Studiengruppe wird von der SEF die Kompetenz bezüglich der Durchführbarkeit abgesprochen. Es würde ihnen, Zeit, Daten, Planunterlagen als auch die fachliche Ausbildung fehlen.

Extrem schwach finde ich zudem die Aussage der SEF in ihrem Antwortschreiben, dass die Belastung der Kanalisation in ihren Augen bei den vergangenen Starkregenereignissen mit Schadensfolgen keine Rolle gespielt hätte. Die Kanalisation wäre nicht ursächlich für die Wassermassen im Holunderweg gewesen. Ja wer denn dann? Wenn die Kanalisation das Wasser nicht aufnehmen kann, wird das Wasser in die Häuser gedrückt und die Straßen überflutet.

Für die Starkregenereignisse ist im Übrigen der Klimawandel verantwortlich. Die SEF sieht das aber anscheinend noch nicht bestätigt, da es ja statistisch noch nicht „eindeutig“ nachgewiesen sei. Das finde ich schon sehr seltsam.

Dem Ortsbeirat 10 bitte ich, die – hoffentlich besseren und neueren –  Antworten der Stadt (bzw. SEF) kritisch zu würdigen und im Sinne der betroffenen Bürger weiterhin am Ball zu bleiben.

Vielen Dank und freundliche Grüße

Eberhard Centner