01.09.2021
Mail an die SEF
Sehr geehrte Frau Zeibekis,
am 9. September 2020 hatten Sie den Stadtbezirksvorsteher für den Ortsbezirk 10, Herrn Straub und zwei Betroffene, Herrn Brunner und Herrn Centner (mich) zu einer Besprechung „Überflutung im Holunder- und Azalleenweg“ (Frankfurter Berg) zum Amt für Stadtentwässerung (SEF) in der Goldsteinstraße eingeladen.
Sie kündigten in ihrem Einladungsschreiben an, gemeinsam mit uns „die Ursachen zu analysieren und zu überlegen, wie bei zukünftigen Starkregen Schäden vermieden werden können.“
Wir informierten Sie ausführlich in Wort und Bild über die Überschwemmungen (vor allem vollgelaufene Keller in über hundert Häusern im Holunder- und Azaleenweg) nach dem Starkregenereignis vom 11.8.2020.
Beispielfotos von diesem Tag:
Feuerwehreinsätze 11. August 2020 (Schwerpunkte Holunder- und Azaleenweg)
(Quelle: Twitter/Feuerwehr Frankfurt)
Rechts befindet sich der Kellereingang. Der Keller wurde bis fast unter die Decke geflutet.
Sie verwiesen anschließend darauf, dass die Kanalisation ausreichend ausgelegt sei für 3- bis 5-jährige Regenereignisse.
Im Holunder- und Azaleenweg geschahen jedoch in den letzten 7 Jahren 5 mal Jahrhundert-Starkregen-Ereignisse mit allen negativen Konsequenzen für die Anwohner (Schäden u.a. an der Bausubstanz, hohe Materialschäden, u.a. an Solartechnik, Heizungen, Waschmaschinen, Trocknern). Jedes Mal war die Kanalisation überfordert, aber Sie sahen keinen Handlungsbedarf seitens der Stadt. Es solle gefälligst jeder Hauseigentümer vorsorgen.
Heißt das, dass die Stadt Frankfurt am Main (Umweltamt und Stadtentwässerung) meint: für normalen Regen ohne Schäden ist die Stadt zuständig (Kanalrohre etc.), für die Folgen des Klimawandels hat die Stadt nichts zu tun, sondern die Bewohner sollen das ausbaden?
Das Wasser fand auch bei Hauseigentümern ins Haus, die vorgesorgt hatten mit Rückstauventilen und sonstigen Abdichtungen – weil bei diesen Starkregenereignissen einfach zu viel Wasser auf einmal kommt.
Zum Schluss hatten Sie versprochen, sich Anfang 2021 wieder mit uns in Verbindung zu setzen, um nach Sichtung der Datenlage und wenn Ergebnisse Anfang 2021 vorliegen würden, das Gespräch fortzusetzen. Wir warten bis heute auf eine Nachricht von Ihnen. Das ist sehr enttäuschend.
Die Starkregenereignisse werden in Zukunft noch schlimmer hören wir von Klima- und Wetterexperten und die Ereignisse in Rheinland-Pfalz und Nordrheinwestfalen zeigen, dass es immer schlimmer wird.
Viele Städte und Kommunen reagieren bereits seit einiger Zeit und handeln auch zielgerichtet. Dort gilt die Devise, dass man den Starkregenfluten die Spitze nehmen muss. Andere Städte sind da schon erheblich weiter. (einige Beispiele: Lippe, Köln, Schwammstadt Berlin)
Was tut Frankfurt? Warum hinkt Frankfurt hierbei so gewaltig hinterher? Dieser Eindruck drängt sich auf.
Man hat den Eindruck, Vorhaben werden immer nur angekündigt, aber es passiert nichts.
Starkregengefahrenkarten, die woanders längst etabliert sind, waren ursprünglich bis 2020 ( Stadträtin und Umweltdezernentin Heilig 2019) zugesagt, dann wurden auf Mitte 2021 avisiert und dann laut einer Zeitungsmeldung auf August 2021 verschoben. Jetzt ist September 2021 und es ist nichts davon zu hören oder zu lesen.
Dass die Hauseigentümer Verbesserungen durchführen sollen ist unbestritten. Sie tun dies auch. Aber die Stadt muss auch zu Werke gehen und den Spitzen des Starkregens geeignet begegnen, um dadurch die Bewohner nicht allein im Regen stehen zu lassen.
So könnte die Stadt folgende Maßnahmen untersuchen und einrichten:
– Regenrückhaltebecken
– Retentionsbecken
– Notwasserwege
– Kanalweiterleitungen, um Wasser aus den Kanälen auf Wiesen, Retentionsflächen und Rückhaltebecken zu leiten
– Tieferlegung des Spielplatzes
– Tieferlegung der Rollschuhbahn („Die Rollschuhbahn hat einen Durchmesser von 30m (Erhebung einer studentischen Projektgruppe der Uni Frankfurt), sodass eine Tieferlegung der Bahn um 2m ein Fassungsvermögen von c. 1,4 Mio. Litern bedeuten würde.“)
Die Geographie-Studenten der Uni Frankfurt haben eine Untersuchung durchgeführt, die wir uns eher vom Stadtentwässerungsamt gewünscht hätten. Sie befragten die Anwohner vor Ort und erstellten eine Analyse mit Maßnahmenempfehlungen für die Stadt und die Bewohner. Dabei erstellten sie eine Fließpfadkarte und eine Maßnahmenübersichtskarte.
Bei den städtebaulichen Maßnahmen empfiehlt die Projektgruppe, die angrenzenden Grünflächen und Felder südwestlich des Azaleenweges als unversiegelte Retentionsflächen zu nutzen und schlagen Notwasserwege vor – auf der Straße und zwischen den Grundstücken (Diese müssten m.E. allerdings unterirdisch verlegt werden), die vom südlichen Holunderweg über den Azaleenweg und anschließend das Wasser auf die unbewohnten Grünflächen leiten. Das Anlegen von vertieften Rückhalteflächen auf den Grünflächen sehen sie auch als notwendig an, um auch größere Wassermengen aufnehmen zu können.
Außerdem schlagen sie eine Kanalerweiterung vor, um Wasser aus den Kanälen auf Grünflächen zu lenken.
Weiterer Vorschlag: der Spielplatz zwischen Holunderweg und Berkersheimer Weg könnte tiefer gelegt werden. Das würde auch eine Entlastung bringen. „Mit dieser Maßnahme wird der Spielplatz zu einer multifunktionalen Retentionsfläche. Dies hat den Vorteil, dass Starkregenfolgen vermindert werden können, ohne dass Siedlungsfläche dafür beansprucht werden müsste. Ohne eine weitere Maßnahme würde das Wasser jedoch weiter südlich in den Azaleenweg laufen.“
Diese Vorschläge sollten mit betroffenen Bürgern besprochen werden und nach Möglichkeiten gesucht werden effektive Maßnahmen gegen die ständig wiederkehrenden Überflutungen zu finden und umzusetzen.
Am Samstag, dem 21.8.2021 war es wieder soweit und es hätte nicht viel gefehlt (es hätte wahrscheinlich nur 10 Minuten länger in dieser Intensität schütten müssen) und es wären wieder über hundert Häuser/Keller abgesoffen. So blieb es bei Wasser im Keller, der noch manuell und mit Pumpen beseitigt werden konnte. Es ist aber nur eine Frage der Zeit, wann der nächste „Jahrhundert-Regen“ kommt.
Auch wäre noch folgendes zu klären:
Bisher blieb unbeantwortet, welchen Einfluss die Versiegelung durch ein Neubaugebiet im Azaleenweg dabei hat. Nach dessen Erstellung hatten die Schadensereignisse begonnen. Zuvor war jahrzehntelang Ruhe.
Mit der Bitte, die Bewohner in ihre Überlegungen und Maßnahmen einzubeziehen, um eine sinnvolle und effektive Lösung zu finden, bitte ich um baldige Rückmeldung.
Freundliche Grüße
Eberhard Centner